Der Strommix in Deutschland
von Volker Angres
Startmarke Stockholm
Wir schreiben das Jahr 1972. Erstmals treffen sich Vertreter der Staaten dieser Welt, um existenzielle Fragen des Umweltschutzes zu beraten. Die "UN-Konferenz über die Umwelt des Menschen" gilt deshalb als Startmarke internationaler, globaler Umweltpolitik. Für viele Umweltabkommen wird in Stockholm das Fundament gelegt, zum Beispiel das Abkommen zum Schutz der Ozonschicht oder das Abkommen über den grenzüberschreitenden Umgang mit gefährlichen Abfällen. Auch die Konventionen zum Schutz des Klimas und der Artenvielfalt werden in Stockholm bereits angedacht. Im selben Jahr, also 1972, wird ebenfalls das Umweltprogramm der Vereinten Nationen "UNEP" ins Leben gerufen, auch, um weitere Weltkonferenzen unter dem UN-Dach zu organisieren.20 Jahre später, Rio de Janeiro. Wieder ein UN-Weltgipfel, diesmal heißt er "Konferenz für Umwelt und Entwicklung". Es hat tatsächlich 20 lange Jahre gedauert, um zu erkennen, dass Umwelt- und Entwicklungspolitik zusammen gedacht und umgesetzt werden müssen. Denn immer klarer ist: Die wahren Brennpunkte dieser Welt liegen in den armen Ländern, der Umweltdruck auf die Menschen dort wird unerträglich und wird sich eines Tages entladen – wenn nicht gegengesteuert wird. Dazu sollen beispielsweise die Weltklimakonferenzen beitragen, die fortan regelmäßig abgehalten werden.Geist von Rio
Der Erdgipfel von Rio hatte eine ganz eigentümliche Atmosphäre, die ich so nie wieder erlebt habe. Inzwischen habe ich als Berichterstatter für das ZDF an vielen UN-Konferenzen teilgenommen, Rio war meine erste Erfahrung dazu. Noch heute wird fast geheimnisvoll der "Geist von Rio" beschworen, die ungemein positive Aufbruchsstimmung, die sich während der Konferenztage ausbreitete und sich in der Presse in einigen vorsichtig optimistischen Artikeln niederschlug. Das ist auch nachvollziehbar: Gerade war der Kalte Krieg durch Gorbatschows Glasnost- und Perestroika-Politik zu Ende, gerade war die Mauer zwischen Ost und West gefallen. Euphorisch ist von einer Friedensdividende die Rede. Viele Milliarden, nicht mehr benötigt für militärische Aufrüstung, stünden ja jetzt für weltweite Umweltschutzmaßnahmen zur Verfügung. Und genau dieser Gedanke beflügelt viele junge Menschen, die Umrisse einer neuen, mutigen Zivilgesellschaft zeichnen sich ab. Das Ergebnis ist die Agenda-21-Bewegung. Weltweit engagieren sich Bürgerinnen und Bürger für Umweltschutzaktivitäten. Der Slogan: "Global denken, lokal handeln" resultiert aus dieser Zeit.Schritt zur Nachhaltigkeit
Noch einmal zehn Jahre später, 2002, findet wieder eine UN-Konferenz statt. Diesmal in Johannesburg, diesmal ist es ein Gipfel für "Nachhaltige Entwicklung". Mittlerweile allerdings sind die Träume von Rio geplatzt, der Geist verflogen. Zu schnell überstürzen sich globale Veränderungen, als dass UN-Diplomatie damit Schritt halten kann. Vor allem das sich abzeichnende unkontrollierte Wirtschaftswachstum und das Wachstum der Finanzmärkte treiben den Experten Sorgenfalten auf die Stirn. Milliardenschwere Investitionen fließen üppig – nur nicht dahin, wo sie das UN-Umweltprogramm gerne hätte. Längst haben sich die alten Wirtschaftsmuster, die gelernten Methoden, um größtmögliche Profite zu erreichen, wieder durchgesetzt. Der Weltgipfel für "Nachhaltige Entwicklung": Die Konferenz soll zum Gegensteuern ermutigen und ein globales Bewusstsein schaffen für die absehbare Fehlentwicklung.Zeitbombe Finanzmärkte
Und es wird in der Tat eine dramatische Fehlentwicklung. Eine, die das "klassische" Weltwirtschaftssystem mehrfach an den Rand des totalen Zusammenbruchs bringt. Die diversen Finanzkrisen und die Eurokrise zeigen das unübersehbar. Finanzblasen entwickeln sich immer mehr zu Zeitbomben mit unberechenbarer Sprengkraft. Professor Klaus Töpfer, der 1992 als Bundesumweltminister die deutsche Delegation in Rio anführte und später dann zwei Amtsperioden lang das Umweltprogramm der Vereinten Nationen in Nairobi leitete, mahnt an, "Rio plus 20" dazu zu nutzen, eine grundlegende Reform des globalen Wirtschafts- und Finanzsystems zu entwickeln."Grüne Ökonomie" als Ziel
Das Hauptinstrument dafür ist das Konzept der "Green Economy", der grünen Ökonomie. Mittlerweile gibt es genügend umweltfreundliche Technologien, genügend Ideen, um Energie einzusparen und genügend Möglichkeiten, naturverträglich zu wirtschaften. Das Problem: Gewinner und Verlierer in den Volkswirtschaften sortieren sich neu. Nicht mehr die Ölbarone sind gefragt, sondern diejenigen, die zum Beispiel als schlaue Dienstleister ein Unternehmen höchst energieeffizient machen. Oder Systemanbieter, die es verstehen, im Bereich erneuerbarer Energien die besten Elemente intelligent miteinander zu verknüpfen, also Elektromobilität mit Smart grids und externen Stromspeichern beispielsweise.Damit das alles im Weltmaßstab greifen kann und so vor allem auch Schwellen- und Entwicklungsländer davon einen Nutzen haben, muss in Rio über noch etwas nachgedacht werden: über einen ehrlichen Informations- und Technologietransfer. Abermals sortieren sich dann Gewinner und Verlierer neu. Was die Sache schwierig macht. Wenn es aber gelingt, "Rio plus 20" zu einer Art globaler Startrampe für das Konzept der grünen Ökonomie zu machen, dann wird die Jubiläumskonferenz wieder ein paar freundliche Pressekommentare ernten. Die Geschichte der UN-Konferenzen zeigt: Sinnlos sind sie nicht. Sie waren und sind stets der Impulsgeber, um unserer globalen Gesellschaft einmal mehr die Augen zu öffnen und ins Gewissen zu reden. Taufen wir doch die aktuelle Konferenz einfach um. Nicht "Rio plus 20", sondern viel besser "UN-Konferenz für grüne Ökonomie". Darunter kann man sich doch schon eher etwas vorstellen. Womit schon ein erstes, klitzekleines Ziel erreicht wäre.mit Material von dpa



